LRS-Prävention/Frühförderung im Kindergartenalter und zum Schulbeginn

Den Schriftsprachenerwerb fördern - durch ein Training der phonologischen Bewusstheit schon vor der Einschulung

Eine Legasthenie oder Lese-Rechtschreibschwäche lässt sich erst während des Erwerbs der Schriftsprache diagnostizieren. Ab der zweiten oder sogar erst zu Beginn der dritten Klasse lassen sich ernsthafte Diagnosen bezüglich Problemen beim Erlernen des Lesens und Schreibens anhand von Tests stellen.

 

Jedoch gibt es bereits schon etwa ein Jahr vor der Einschulung Ihres Kindes die Möglichkeit, Vorläuferfertigkeiten des Schriftsprachenerwerbs zu fördern oder zu festigen, damit zum Schulbeginn ein möglichst reibungsloser Übergang stattfindet.



Sprachförderung für das Kindergarten-Kind

Folgende fünf Wahrnehmungsbereiche sind auch schon im letzten Kindergartenjahr essentiell für die LRS-Prävention und das Lesenlernen am Schulanfang:

 

1.

Die phonematisch-akustische Differenzierungsfähigkeit (Phonem=Sprechlaut):
Phonematische Differenzierungsleistungen entscheiden darüber, ob ein Kind klangähnliche, aber bedeutungsunterscheidende Sprechlaute aus dem Redestrom herauszuhören vermag.

Wörter wie Bahn / Bein, Uhr / Ohr, Tasche / Tasse, backen / baden u.a. stellen enorme Anforderungen an das phonematische Gehör. Durch das Erraten von Geräuschen , das Heraushören von bedeutungsunterscheidenden An-, In- und Auslauten und andere Hörübungen lässt sich das phonematische Unterscheidungsvermögen relativ gut verbessern. Bestimmte Formen des Stammelns (das Kind spricht z.B. "detomnen" statt "gekommen") beruhen auf der Unfähigkeit, die selbst gesprochenen Laute sicher zu erkennen.

 

2.

Die sprechmotorisch-kinästhetische Differenzierungsfähigkeit
Mängel in diesem Bereich sind ein schweres Handikap für das Sprechen, Schreiben und Lesenlernen. Die Reihenfolge der Laute, ihre Vollständigkeit und normgerechte Artikulation hängen weitgehend von dieser Fähigkeit ab. Sprechmotorische Präzision ist auch eine wesentliche Voraussetzung für das Sprachgedächtnis. Eine vorbeugende Förderung der sprechmotorischen Voraussetzungen ist relativ gut möglich, weil z.B. Lippen- und Zungenturnen, Blasübungen wie Kammblasen, Seifenblasen, Wattepusten und so genannte "Zungenbrecher" den Kindern viel Spass machen.


3.

Die intonatorisch-melodische Differenzierungsfähigkeit
Von ihr hängt ab, ob das Kind und der Kommunikationspartner einander verstehen. Ausserdem drücken die Melodieführung und die Betonung beim Sprechen Gefühle und Einstellungen aus. Diese Merkmale sind für das Mitdenken und Erfassen der Bedeutung von Sätzen wichtig. Derselbe Satz, z.B. "Ich komme gleich", einmal in beruhigendem Ton, einmal mit drohendem Unterton gesprochen, hat entsprechend unterschiedliche Bedeutung. Es kommt eben nicht nur darauf an, was gesagt wird, sondern auch darauf, wie es gesagt wird. Die Förderung beginnt mit der Freude am Singen, Musizieren und Tanzen. Sie wird durch jede Form der musikalischen Früherziehung unterstützt.

 

4.

Die rhythmische Differenzierungsfähigkeit
Ohne sie kann die inhaltlich-logische Gedankenführung eines Textes nicht erkannt werden. Rhythmus gliedert und strukturiert einen entfalteten Gedanken, sichert das Verständnis für Zusammenhänge. Ein scherzhaftes Beispiel dafür sind die Sätze "Der Lehrer, sagt der Schüler, ist eine Esel" und "Der Lehrer sagt, der Schüler ist ein Esel". In gewisser Weise kommen diese Beziehungen auch für mathematische Basisleistungen in Betracht. Aus Längsschnittuntersuchungen geht hervor, dass mathematisch überdurchschnittlich befähigte Schüler im Vorschulalter über eine besonders gute rhythmische Differenzierungsfähigkeit verfügen. Diese Fähigkeit sagt zukünftigen Lernerfolg mit hoher Wahrscheinlichkeit voraus.
Rückstände im Niveau der rhythmischen Differenzierungsfähigkeit lassen sich nur schwer überwinden. Mit spektakulären Fördererfolgen ist nicht zu rechnen. Besonders nützlich sind Übungen, die in der Einheit von melodisch-rhythmisch-motorischer Aktivität vollzogen werden. Solche Übungen bilden den Kernbestand jeder vorbeugenden Förderung zur Einschränkung von unerwarteten Lernschwierigkeiten im Anfangsunterricht.

 

5.

Die optisch-graphomotorische Differenzierungsfähigkeit
Um Lautsprache in Schriftsprache und Schriftsprache in Lautsprache umsetzen zu können, benötigt der Schulanfänger ein entsprechendes Niveau der optisch-graphomotorischen Differenzierungsfähigkeit. Nur dann kann das Kind auffällige und unauffällige Details bei der Unterscheidung, Aussonderung, Zuordnung und Gestaltung von Merkmalen der Form, Lage, Grosse, Länge, Dicke, Richtung, Farbe und Häufigkeit erkennen. Diese Leistungen werden vor allem für das Erkennen und Schreiben von Buchstaben benötigt. Sie bilden sich normalerweise vor Schuleintritt im Alltagsverhalten des Kindes heraus. Um Rückstände in dieser Differenzierungsleistung aufzuholen, sind Tätigkeiten wie Malen, Bauen, Basteln, Puzzlespielen, Fingerübungen, Sortierübungen u.a. sehr nützlich.



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